Datum: 03.09.2010
Seite: 8
Ressort: Ausland Autor: Von Roland Etzel
Mitmischen oder »draußen bleiben«?
Gesine Lötzsch im Erfahrungsaustausch über das Für und Wider der
Regierungsbeteiligung linker Parteien Schweden wählt am 19. September ein neues Parlament. Das war das aktuellste Thema des Gesprächs zwischen Gesine Lötzsch und Lars Ohly von der schwedischen Vänsterpartiet
(Linkspartei), aber nicht das einzige. Die Kovorsitzende der LINKEN tauschte bei ihrer ersten Auslandsreise in dieser Funktion vorige Woche in Schweden, Dänemark, Norwegen und den Niederlanden Erfahrungen mit Parteien aus, denen sich die LINKE hinsichtlich der Programmatik wie auch der gegenwärtigen Herausforderungen sehr nahe fühlt. Der in Schweden regierende rechte Block unter Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt führt nach den jüngsten Umfragen mit gerade einmal drei Prozent vor einer linken Allianz. Für letztere ist also noch
alles möglich, für linke Politik eröffnen sich neue Chancen. Um sie konsequent zu nutzen, ist die linke Opposition bereits ein recht enges Bündnis eingegangen. Die in Deutschland gepflegte Auffassung, es gebe keine Koalition in der Opposition, scheint in Schweden wenig zu gelten. Jedenfalls lassen sich Sozialdemokraten (in den Umfragen gegenwärtig bei 29 Prozent), Grüne (9,7
Prozent) und Linkspartei (6,1 Prozent) ganz selbstverständlich von der Öffentlichkeit als linke Allianz behandeln. Noch einen Schritt weiter ist die linke Opposition in Dänemark gegangen. Die Wahlperiode endet zwar erst im November 2011, aber bereits jetzt haben sich Sozialdemokraten, Sozialistische Volkspartei (SF) und Rot-Grüne Einheitsliste auf eine gemeinsame Programmatik festgelegt, falls sie die Regierung bilden sollten. Gesine Lötzsch findet das sehr bemerkenswert. Sie sieht darin eine ehrlicheres Vorgehen, als es hierzulande nach dem Wahltag häufig zu beobachten ist: Die Freude eines Wählers, dass seine Partei gewonnen hat, wandelt sich in Enttäuschung, wenn er zur Kenntnis
nehmen muss, dass gerade die Punkte, für die er »seine«, nun mitregierende Partei gewählt hat, beim Aushandeln des Koalitionsvertrags unter den Tisch gefallen sind. Oder – schlimmer noch – »seine« Partei koaliert plötzlich mit einer, die er keinesfalls in der Regierung sehen wollte. Lötzsch nimmt es als Anregung mit, die Gültigkeit der erwähnten Auffassung im Sinne einer Lizenz
zur Wählertäuschung wenigstens in Frage zu stellen. Es wäre nicht der schlechteste Ansatz für einen Politikwechsel auf Bundesebene. Anzeichen für entsprechende Überlegungen bei Grünen oder SPD, gar unter Einbeziehung der LINKEN, sind allerdings nicht zu erkennen. Auch für Villy Sövndal, den Vorsitzenden der Sozialistischen Volkspartei (SF), den Gesine Lötzsch
im Kopenhagener Folketing trifft, dem dänischen Parlament, ist eine derartige Vereinbarung nichts so Sensationelles. »Wir nehmen die Sache schließlich ernst«, sagt er, »mit ›mal sehen‹ kommen wir nicht weiter.« Dänemark sei in den vergangenen zehn Jahren extrem nach rechts gerückt. Die
konservative Regierung unter Lars Lökke Rasmussen habe die Politik ihrer Vorgängerinnen fortgesetzt und lasse sich mit drei Begriffen charakterisieren: einwandererfeindlich, kriegsunterstützend, sozialabbaufördernd. »Wir waren noch nie Regierungspartei, aber wir sind erstmals ganz nah dran. Unsere Mitgliederzahl stieg in den vergangenen fünf Jahren von 7000 auf
über 18 000. Umfragen zufolge würden uns derzeit 45 Prozent der Erstwähler ankreuzen«, sagt der SF-Vorsitzende. »Warum haben die Leute bei euch rechts gewählt?« fragt die Linksparteivorsitzende. Sövndal, seit 1994 Folketing-Abgeordneter, ist ziemlich sicher: »Immer wenn die Leute Angst haben, wählen sie rechts; Angst vor der Wirtschaftskrise, vor Kriminalität, vor Ausländern.« Nach Meinung des 52- Jährigen haben die Linken oft den Fehler begangen, auf das Spiel der Konservativen einzugehen. Die hätten die Hürden für Einwanderung immer höher geschraubt. Man müsse den Menschen aber
klar sagen, dass Dänemark schon deshalb Migration brauche, weil die Gesellschaft sonst an Überalterung leiden werde. Doppelte Standards will Sövndal aber nicht gelten lassen. »Ausländergruppen, die einen religiösen
Staat anstreben, habe ich gesagt, sie sollen zur Hölle gehen. Mich trennt von einem anderen nicht, was er isst oder wie er sich kleidet, sondern wie er zu demokratischen Standards steht.« Bei den Parlamentswahlen 2007 war die SF mit 13 Prozent der Stimmen viertstärkste Partei. Sövndal erwartet nichts weniger als eine Schicksalswahl mit einer Beteiligung um die 90 Prozent.
Der Tag der Entscheidung kann theoretisch noch in diesem Monat kommen, denn nach dänischem Gesetz darf die Regierung jederzeit vorgezogene Wahlen ausschreiben. Monatelange Wahlkämpfe sind nicht vorgesehen.
Zum Thema Regierungseintritt sagt Sövndal: »Meine Devise ist: Geduld, Geduld, Geduld! Wir haben 50 Jahre lang gewartet. Jetzt bin ich dafür. Die Sozialdemokraten als stärkste Oppositionskraft haben ihre ablehnende Haltung gegenüber den Linken nur sehr langsam abgebaut, aber sie haben.« Das vorformulierte gemeinsame Programm stehe für eine ganz neue Qualität der
Zusammenarbeit. Mit so vielen Stimmen wie die SF rechnet die dritte Linke im Bunde, die Einheitsliste Rot-Grün (EL), am Tag X nicht. Aber in Dänemark gibt es nur eine Zweiprozenthürde, schon deshalb ist nicht ausgeschlossen, dass die EL das Zünglein an der Waage spielen kann. Ihre Partei plane zwar, eine
linke Regierung zu unterstützen, allerdings werde man »draußen bleiben«, sagt Line Barfod, die 46- jährige Folketing-Abgeordnete der EL. Dies entspreche der Graswurzel-Tradition ihrer Partei, so wie es auch keine Vorsitzenden gebe, jedoch eine strikte Trennung von Amt und Mandat und bei den
hauptamtlich Beschäftigten gleiches Gehalt für alle. Doch – das stellt Barfod klar – man solle deshalb nicht auf chaotische Zustände schließen. »Wir wissen, dass wir für eine funktionierende Arbeit klare Strukturen brauchen.«
Auf zustimmendes Interesse stößt der Bericht Gesine Lötzschs über den Einsatz der LINKEN für Mindestlöhne. Den Vorschlag, sich darüber und über andere Fragen auch über Ländergrenzen hinweg auszutauschen, findet die EL-Abgeordnete gut. Das um sich greifende Sozialdumping sei eine gemeinsame Herausforderung. Der Feststellung der Linksparteivorsitzenden, dass »die
Zusammenarbeit der Rechten enger ist als unsere« und dass dies nicht so bleiben sollte, pflichtet sie bei. Im europäischen Norden funktioniere das bereits gut. Barfod ist Vorsitzende der Gruppe der Linksparteien im Nordischen Rat.
Auch wenn sie viel Gemeinsames formuliert haben – in wichtigen Fragen sind sich die Parteien der linken Opposition in Dänemark uneinig, zum Beispiel in ihrer Haltung zur Teilnahme am Krieg in Afghanistan. Die Sozialdemokraten halten trotz leichter Absetzbewegungen daran fest, dass Dänemark an der Seite der USA bleiben müsse, EL und SF sehen das gänzlich anders. Für SF-Chef
Sövndal kann es im Falle einer gemeinsamen Regierung keinesfalls bei zwei Standpunkten bleiben. Jenseits des Skagerraks, in Norwegen, gibt es bereits seit 2005 eine Linksregierung. Neben der sozialdemokratischen Arbeiterpartei und der bäuerlichen Zentrumspartei gehört ihr die Sosialistisk Venstreparti (SV) an. Venstre heißt auch im Norwegischen Links. Der 32-jährige Audun Lysbakken
ist einer von vier SV-Ministern und berichtet Gesine Lötzsch mit großer Leidenschaft über sein Ressort, das Ministerium für Kinder, Gleichstellung und Soziale Teilhabe. Auch in seiner Partei war die Antwort auf die Frage nach einer Regierungsbeteiligung kein selbstverständliches Ja. Man habe aber bereits lange vor 2005 auf Parteitagen darüber beraten. Für Lysbakken ist das eine strategische Frage. Gewiss könne man auch als Opposition Themen auf
die politische Tagesordnung setzen, aber realisieren könne man sie kaum. Die SV hat seiner Meinung nach mehr erreicht, als ihre nominelle Stärke im Parlament ausmacht. »Dennoch musste von Anfang an klar sein, dass wir jetzt nicht die Welt verändern können.«
Eine rechte Regierung zu verhindern – das war auch das Ziel der Linken in den Niederlanden. Dort hat die Wahl gerade stattgefunden, doch die parlamentarische Linke, die Socialistische Partij (SP), hat schmerzliche Verluste hinnehmen müssen, von fast 17 stürzte sie auf 9,8 Prozent ab. An eine
Linksregierung ist derzeit also nicht zu denken. Dennoch, sagt Emile Roemer, Fraktionsvorsitzender der SP in der Zweiten Kammer des Parlaments, der Gesine Lötzsch in seinen Räumen begrüßt, müsse man den Leuten ein Regierungsprogramm anbieten. »Sonst würden sie sagen: Warum sollen
wir euch wählen, wenn ihr nur Opposition sein wollt?« Roemer sieht darin sogar eine Ursache für die Verluste. »Das eine ist, dass wir zu viel Papier beschrieben haben und zu wenig draußen gewesen sind. Aber ich führe den Stimmenrückgang auch darauf zurück, dass wir beim letzten Mal nicht in die
Regierung gegangen sind.« Tiny Kox, SP-Fraktionschef in der Ersten Kammer, ist auch der Meinung, dass man zu wenig auf der Straße gewesen sei. Gute Arbeit im Wahlkreis sei wichtig. Aber wenn man in den Medien nichts
davon erfahre... »Es reicht nicht, groß zu sein. Man muss auch groß aussehen«, sagt Kox. Und sein Parteikollege Hans van Heiningen ergänzt: »Wir haben in den letzten zwei Jahren nichts Größeres organisiert. Warum eigentlich? Wenn Sozialisten fürchten, dass sie nicht genug Leute auf die Straße bringen und es deswegen unterlassen, haben sie verloren.« Diskussionen, ob man mit der Partei der Arbeit, den Sozialdemokraten, eine Koalition eingehen solle, gab es auch in den Niederlanden. Ein prinzipielles Problem für Linke, sich an bürgerlichen Regierungen zu beteiligen, sehen aber alle drei nicht. Die neue Regierung steht noch längst nicht. Roemer sagt: »Die linke Flanke ist einfach zu klein, um etwas bewirken zu können. Deshalb führen wir gegenwärtig Gespräche auch mit den Liberalen. Es muss einfach etwas getan werden, damit das Feld nicht den Rechten überlassen bleibt.«

Berlin. Linksparteichefin Gesine Lötzsch kann die Euphorie anlässlich der Feierlichkeiten zum 20jährigen Jubiläum des Einigungsvertrages nicht teilen. Im Video-Interview erklärt sie außerdem, was Thilo Sarrazin und Guido Westerwelle gemeinsam haben. Zum Interview
Foto: Leipziger Hauptbahnhof
LOHNGEFÄLLE Die Bundesvorsitzende der Linkspartei erklärt, warum "Armut weiblich" ist
taz: Frau Lötzsch, warum werden Frauen für die gleiche Arbeit schlechter bezahlt?
Gesine Lötzsch: Das liegt daran, dass Frauen viel schlechtere Möglichkeiten haben, sich in politische Prozesse einzubringen. So haben sie viel weniger Einfluss in der Gesellschaft.Weiterlesen
Zuverlässig und berechenbar
100 Tage können im Leben eines Menschen, aber auch einer Partei alles verändern. Für uns als Parteivorsitzende hat sich das Leben schon radial geändert. Das Parteileben wird sich in den nächsten Monaten und Jahren auch ändern, denn nur so können wir die gewaltigen Herausforderungen, die vor uns stehen, gemeinsam meistern. Die Menschen erwarten von uns als Partei, dass wir die Bundesregierung zu Korrekturen zwingen, wenn es um Regelsätze für Hartz IV, Mindestlohn, Kopfpauschale, Rente mit 67 geht. Sie wollen nicht akzeptieren, dass die für die Krise zahlen sollen, die sie nicht verursacht haben. Die Spekulanten in den Banken müssen jetzt zur Kasse gebeten und zur Verantwortung gezogen werden. Wie wir die Bundesregierung zu Korrekturen zwingen können, darüber müssen wir uns in der Partei verständigen.
Wir fragen uns heute, was wir in den ersten 100 Tagen erreicht haben und welche Aufgaben noch in diesem Jahr und 2011 von uns gemeinsam erfüllt werden müssen.
Im Januar dieses Jahres erlebte unsere Partei die schwerste Krise in ihrer dreijährigen Geschichte. Einige Medien prognostizierten unüberwindbare Grabenkämpfe, die Spaltung und sogar den Untergang der Partei. Diese Prognosen sind nicht eingetreten. Auf dem Bundesparteitag im Mai wurde ein neuer Parteivorstand mit guten Ergebnissen gewählt. Der Parteitag war ein Erfolg! Das höchste Gremium der Partei hat mit dem beschlossenen Leitantrag dem Parteivorstand klare und ehrgeizige Ziele mit auf den Weg gegeben.
Einige Journalisten waren enttäuscht, dass es in Rostock nicht zum großen Showdown gekommen ist. Doch unsere Aufgabe ist es nicht, den Vorstellungen von Journalisten zu entsprechen. Wir fühlen uns unserer Partei und den fünf Millionen Wählerinnen und Wählern verpflichtet, die uns bei der Bundestagswahl 2005 ihr Vertrauen ausgesprochen haben. Wir fühlen uns aber auch den vielen Menschen verpflichtet, die uns noch nicht gewählt haben, aber unter der Politik der Bundesregierung zu leiden haben.
Wir wollen in unserer Bilanz auf zwei Schlüsselereignisse eingehen, die deutlich machen, auf welche Art und Weise wir auch in Zukunft gedenken Politik zu gestalten.
Die Wahl des Bundespräsidenten am 30. Juni war eines dieser Schlüsselereignisse. Es war ein guter Tag für DIE LINKE. Wir haben als Delegation der LINKEN in der Bundesversammlung klare Botschaften nicht nur an unsere Kandidatin Luc Jochimsen, sondern auch an die Kandidaten Christian Wulff und Joachim Gauck gesandt.
Luc hat in den drei Wochen vor der Wahl ganz deutlich die Positionen der Partei DIE LINKE vertreten. Sie war die einzige Kandidatin, die sich klar gegen Krieg, gegen Sozialabbau und für mehr Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft ausgesprochen hat. Es ist vor allem Luc zu danken, dass es den anderen Parteien nicht gelungen ist, uns aus dem von der Bild-Zeitung angeführten Wahlkampf um den Bundespräsidenten heraus zu drängen.
Die beiden anderen Kandidaten unterschieden sich in ihren inhaltlichen Positionen kaum. Der Ehrenvorsitzende der CSU Edmund Stoiber sagte sogar, dass Joachim Gauck in vielen Punkten konservativer als Herr Wulff sei. Da hat er recht. Es wäre unseren Wählerinnen und Wählern nicht zu vermitteln gewesen, wenn wir einen Kandidaten gewählt hätten, der genau das Gegenteil von dem will, was wir wollen.
Die Behauptung, DIE LINKE habe mit ihrem Wahlverhalten die schwarz-gelbe Regierung unterstützt und gestärkt, ist unwahr. Wäre unsere Aussage, beide konservative Kandidaten nicht wählen zu können und zu wollen, nicht so klar und eindeutig gewesen, hätte Christian Wulff bereits im ersten Wahlgang ausreichend Stimmen aus seinen eigenen Reihen erhalten. Die Verschiebung im Abstimmungsverhalten der Vertreter von Schwarz-Gelb vom ersten bis zum dritten Wahlgang - bis hin zur absoluten Mehrheit - beweist, dass es etlichen von ihnen zwar um ein Signal gegen Kanzlerin und Regierungskoalition ging, aber nicht um die Verhinderung des Kandidaten Wulff. Auf dieses Signal hätten sie bei einer weniger konsequenten Ablehnung Gaucks durch die Linke ohne jeden Zweifel verzichten müssen.
Wir haben während und nach der Wahl zu dem gestanden, was wir vor der Wahl gesagt haben. Wir haben das im Interesse derjenigen getan, die darauf bauen, dass wir niemanden wählen, der Krieg und Sozialabbau unterstützt.
SPD und Grüne hatten – ohne mit uns nur ein Wort zu sprechen - einen Kandidaten auserkoren, von dem sie wussten, dass er für uns nicht wählbar ist. Damit wurden wir in die Ecke gestellt und als unbelehrbar abgekanzelt. Die Aufforderung, wir sollten doch über unseren SED-Schatten springen, ist ziemlich absurd. Gerade ehemalige Mitglieder der SED hatten sich öffentlich für eine Wahl von Joachim Gauck ausgesprochen in der Hoffnung auf mehr gesellschaftliche Akzeptanz. Insbesondere ehemalige Mitglieder der SPD in unserer Partei haben die Wahl von Joachim Gauck vehement abgelehnt, weil für sie der Kandidat von SPD und Grünen den schröderischen Geist der Agenda 2010 ausströmte.
SPD und Grüne sind mit dieser Aktion zur Ablösung der Bundesregierung keinen Schritt weitergekommen. Nur durch die Aufstellung einer eigenen LINKEN Kandidatin bekamen Abweichler der Regierungsparteien wenigstens eine Chance, der Kanzlerin einen Denkzettel zu verpassen. Christian Wulff ist Bundespräsident und SPD und Grüne stehen mit leeren Händen da. Ihre Strategie ist gescheitert. Weder kann man die Kanzlerin mit solchen Taschenspielertricks aus der Reserve locken, noch DIE LINKE mit solchen Tricks spalten. Die Umfrageergebnisse zeigen, dass unsere Wählerinnen und Wähler offensichtlich unsere Positionen teilen.
Die Wahl des Bundespräsidenten war für SPD, Grüne und DIE LINKE wie ein reinigendes Gewitter. Wir sind alle nass geworden, weil wir keine gemeinsame Strategie hatten. Um diese scheinbar desolate Regierung abzulösen, braucht man eine längerfristige Strategie.
Ein erster Schritt könnte die Minderheitsregierung in NRW sein. Voraussetzung ist, dass SPD und Grüne aus ihren Fehlern lernen und in Zukunft auf Augenhöhe mit uns verhandeln werden.
Damit sind wir bei dem zweiten Schlüsselereignis, das in unsere 100-Tage-Bilanz fällt: Die Regierungsbildung nach der Landtagswahl in NRW. Auch hier waren sich die Journalisten fast vollständig einig. DIE LINKE in NRW wurde als Chaostruppe beschimpft und auch in unserer Partei gab es einige Funktionäre, die diese Kampagne gegen unsere Genossinnen und Genossen in NRW unterstützten. Es findet sich jedoch kein Artikel in den Qualitätszeitungen, der nach der Wahl von Hannelore Kraft das Bild der NRW-LINKE korrigiert. Keine Journalistin und kein Journalist schrieb oder sagte: „Wir haben uns geirrt, das ist ja gar keine Chaostruppe!“ Durch die Enthaltung der Fraktion DIE LINKE bei der Wahl der Ministerpräsidentin wurden unsere ersten Wahlversprechen eingelöst. Rüttgers wurde abgelöst und es wurde eine Tür zu einem Politikwechsel in NRW geöffnet. Ob die Minderheitenregierung den Mut aufbringt, durch diese Tür zu gehen, werden wir genau beobachten.
Wir bevorzugen zwar Koalitionen, die auf der Grundlage eines Vertrages regieren, betrachten diese Koalition aber als Möglichkeit zur Vertrauensbildung. SPD und Grüne werden im politischen Alltagsgeschäft lernen, dass DIE LINKE berechenbar ist. Sie wird immer dann die Regierung unterstützen, wenn es um mehr soziale Gerechtigkeit, mehr Umweltschutz und mehr Bildung geht. Die Regierung in NRW wird erfolgreich sein, wenn sie sich von der Agenda 2010 löst und politische Alternativen aufzeigt, die für die ganze Bundesrepublik attraktiv sind. Wenn die NRW-Regierung, aber auch die Landesregierungen in Berlin und Brandenburg mit einer demokratischen, sozialen, ökologischen und lobbyfreien Politik ein Kontrastprogramm zur Bundesregierung bieten, dann gibt es 2013 eine Chance für eine Bundesregierung der sozialen Gerechtigkeit und des ökologischen Wandels.
Wir wollen uns aber nicht mit fremden Federn schmücken. Die Hauptarbeit haben die Genossinnen und Genossen in NRW geleistet. Wichtig war für uns, dass die Zusammenarbeit zwischen dem Bundesvorstand und dem NRW-Landesvorstand und der NRW-Fraktion sehr gut war und ist. Wir wollen als Parteivorsitzende in Zukunft ganz eng mit den Landesvorständen – und das gilt nicht nur in Wahlkampfzeiten - zusammenarbeiten. Wir planen die Besuche aller Landesvorstände und Landtagsfraktionen bis Ende 2011. Wir wollen sehen, wie sich die Partei in den Landesverbänden entwickelt und Erfahrungen und Anregungen nach Berlin mitnehmen.
Der Parteivorstand hat in den ersten 100 Tagen Beschlüsse zu den Sozialprotesten im Herbst gefasst. Wir wollen zusammen mit den Gewerkschaften, Initiativen, Vereinen und Netzwerken eine Kampagne gegen die unsoziale Politik der Bundesregierung organisieren. Wir wollen auf der Straße, am Arbeitsplatz, im Krankenhaus, im sozio-kulturellen Zentrum, im Internet und überall, wo Menschen zusammenkommen, über die Sozialkürzungen und Hartz IV, die Kopfpauschale, die Rente mit 67 diskutieren und möglichst viele Menschen gewinnen, um mit ihnen gemeinsam gegen die Politik der Bundesregierung zu protestieren.
Wie heiß der Herbst wird, hängt von jeder Genossin und jedem Genossen ab. Über den Ablauf und die Organisation der Kampagne findet man Informationen auf unserer Internetseite, aber auch in jeder Geschäftsstelle der Partei.
Linken-Chefin Gesine Lötzsch über die Bezüge ihres Ko-Vorsitzenden Klaus Ernst, Ostalgie – und das Wohnen im Lichtenberger Plattenbau. Zum Interview
DIE LINKE fordert die Überwindung von Hartz IV, solange das aber nicht erreicht werden kann, die Anhebung der Regelsätze auf 500 Euro. In der Debatte um die geplante Anpassung der Sätze unterstreicht Gesine Lötzsch diese Forderung. Sendung ansehen