DIE LINKE.  Fraktion in der Hamburgischen Bürgerschaft 


11. Mai 2010

8.Mai muss gesetzlicher Feiertag werden

Rede zum 65. Jahrestag der Befreiung Deutschlands vom Faschismus

 

Herzlichen Dank, dass Sie alle gekommen sind!

Ich denke heute besonders an Stefan Doernberg.

Er war ein großartiger Mensch und sein Leben ist an Dramatik nicht zu überbieten.

1935 floh er mit seinen Eltern aus Berlin in die Sowjetunion.

Er meldete sich am Tag des deutschen Überfalls, seinem 17. Geburtstag, zur Roten Armee.

Er erinnerte sich: „Mit der 8. Gardearmee führte mich der schwere und unvergessliche Weg des Krieges durch die Ukraine, Belorussland und Polen bis in meine Geburtsstadt Berlin«

Stefan hielt noch am 21. April anlässlich des 65. Jahrestages der Befreiung eine Rede.

Einen Satz möchte ich zitieren: „Der 8. Mai ist der Tag der Rettung der Menschheit, auch der deutschen Zivilisation.“

Da meine Bundestagsfraktion das genauso sieht, wie Stefan es sah, hat sie den Antrag „Tag der Befreiung muss gesetzlicher Gedenktag werden“ in den Deutschen Bundestag eingebracht.

Für unsere Fraktion begründete Luc Jochimsen heute im Deutschen Bundestag unseren Antrag.

Ich möchte aus ihrer sehr persönlichen Rede zitieren:

„Tagebucheintrag eines neunjährigen Kindes: „Frankfurt am Main, den 8. Mai 1945.

Heute um Mitternacht ist der Krieg zu Ende. Das heißt bedingungslose Kapitulation. Die Kirchenglocken läuten. Es ist endlich Frieden. Das ist ein schwerer Tag für alle Deutschen.“

Wie kommt das neunjährige Kind in diesem Augenblick zu dem Urteil, der 8. Mai sei ein „schwerer Tag für alle Deutschen“?

Der Vater hoffte jeden Tag, dass die Amerikaner uns endlich befreien würden. Er sagte „befreien“.

Die Mutter betete jeden Abend, dass sie alle mit dem Leben davonkämen.

Das Kind hatte nichts als Krieg erlebt seit seinem dritten Lebensjahr.

Die Familie wurde in Düsseldorf ausgebombt, hatte alle Habe verloren, schwere Phosphorverbrennungen erlitten, Monate nur im Keller zugebracht, ein Bombensplitter den rechten Oberschenkel des Kindes zerfetzt…

Was also brachte es dazu, zu schreiben der 8. Mai sei ein „schwerer Tag für alle Deutschen“ – für es selbst also auch?“

Das neunjährige Kind war unsere Luc.

Ja, es war ein schwerer Tag für alle Deutschen.

Es gibt Menschen, die an diesen Tag nicht erinnert werden wollen.

Wir sehen es als unsere demokratische Pflicht an, an den Tag zu erinnern, um die zu würdigen, die uns befreit haben.

Die junge Generation, Menschen wie Leonora, muss nicht mit Scham auf den 8. Mai 1945 zurück blicken.

Nein, sie sollen feiern! Dank der Soldaten der Anti-Hitlerkoalition können sie heute in Frieden leben und Erlebnisse, wie solche von denen Luc Jochimsen berichtete, bleiben ihnen hoffentlich erspart.

Doch das Frieden keine Selbstverständlichkeit ist, erleben wir jeden Tag.

Deshalb ist es so wichtig, dass wir wenigstens einmal im Jahr uns die Zeit nehmen innezuhalten; dem hektischen Alltag zu entfliehen und etwas über das Leben der Menschen zu erfahren, die es in diesem furchtbaren 2. Weltkrieg verloren haben.

Ich bin der Auffassung, dass ein Tag dafür nicht ausreicht.

Seit vielen Jahren reise ich mit Jungen und Mädchen, jungen Männern und Frauen in verschiedene europäische Länder, damit sie Menschen kennenlernen, die unter diesem Krieg gelitten und mit unglaublichen Mut gegen die deutsche Besatzung gekämpft haben.

Vor zwei Jahren war ich mit einer Jugendgruppe in Griechenland. Hier ein kurzer Auszug aus einem Tagebuch:

„Wir landen mit  25minütiger Verspätung. Als wir mit unseren Koffern kurz vor Mitternacht in die Eingangshalle des Flughafens kommen, stehen dort 30 grauhaarige Männer und Frauen, die uns herzlich mit Rosen begrüßen. Es sind Widerstandskämpfer, Durchschnittsalter 80 Jahre, die gegen die deutsche Okkupation im 2. Weltkrieg gekämpft hatten. Selbst die Legende des antifaschistischen Widerstandes, Manolis Glezos, 86 Jahre, ist gekommen.

Nach 10 Minuten sitzen wir schon im Bus. Wir haben ein schlechtes Gewissen. Sie haben lange auf uns gewartet, um uns zu begrüßen. Im Bus frage ich den 20jährigen Tobias, ob er sich vorstellen könne, im Alter von 80 Jahren auf einem Flughafen eine Stunde oder mehr zu warten, um 10 Minuten eine Jugenddelegation aus dem Ausland zu begrüßen. Nicht nur aus dem Ausland, sondern aus Deutschland - dem Land, aus dem eine Armee kam, die unfassbares Leid nach Griechenland brachte. Tobias kann es sich nicht vorstellen.“

Wir brauchen den 8. Mai als Gedenktag, damit junge Menschen auch erfahren, wie mutig diese Frauen und Männer gegen die deutschen Okkupanten gekämpft haben.

Ich schäme mich für all diejenigen Deutschen, die jetzt mit Häme und Spott über Griechenland herziehen.

Die junge Generation trägt keine Verantwortung für das, was Hitler und seine Generäle in Europa angerichtet haben.

Doch Ihr müsst wissen, dass der 2. Weltkrieg tief im Bewusstsein der Europäerinnen und Europäer eingebrannt ist.

Viel tiefer als das viele Deutsche meinen.

Die SPD-LINKE-Regierungskoalition in Mecklenburg-Vorpommern hatte den 8. Mai schon 2002 zum Gedenktag erklärt.

SPD und LINKE in Berlin haben gestern eine Bundesratsinitiative mit dem Ziel gestartet, den 8. Mai für die ganze Bundesrepublik zum Gedenktag zu erklären.

Ich freue mich, dass es so viele Initiativen – nicht nur der Parlamente, sondern aus der Zivilgesellschaft gibt – um diesen Gedenktag zu fordern und den 8. Mai zu feiern.

Unser Antrag wurde heute im Plenum beraten und in die Ausschüsse verwiesen.

Wenn Sie diesen Antrag unterstützen wollen, dann schreiben Sie das den Abgeordneten des Deutschen Bundestages.

Quelle: http://www.gesine-loetzsch.de/nc/politik/pressemitteilungen/detail/artikel/8mai-muss-gesetzlicher-feiertag-werden/